CD Kritik Progressive Newsletter Nr.63 (09/2008)

Beardfish - Sleeping in traffic: Part Two
(52:29, InsideOut, 2008)

So richtig in das typische Retro Prog Schema wollen Beardfish einfach nicht passen - und das ist auch gut so! Bereits auf den Vorgängeralben spielten sie sich in eine ganz eigene Liga aus 70s Versatzstücken und einer ganz eigenen, schrägen, humorigen Note. Gerade letzteres findet sich wiederum in einer ordentlichen Dosis auf dem aktuellen Album, der Fortsetzung der 2007er Veröffentlichung "Sleeping in traffic" (einem Konzeptwerk über 24 Stunden im Leben eines Menschen). Vielleicht genau deshalb wirken Beardfish irgendwie erfrischend anders und recht eigenständig. Die schwedische Band beherrscht natürlich genauso die gekonnte Neuaufbereitung von alten Klängen, doch statt offensiver Mellotron Vollbedienung setzt man vermehrt auf Orgel, von quietschig bis hin zu antiken Klangkaskaden. Und statt skandinavischer Melancholie findet man zuweilen nordische Folklore, erdigen Rock und augenzwinkernde Fröhlichkeit. Immer dann, wenn andere Bands in Ehrfurcht vor der Vergangenheit erstarren, kriegen Beardfish ganz locker die Kurve und sorgen mit originellen Einfällen, die zwischen Kirmesmusik / Monty Python-eskem Klamauk und Gentle Giant schwanken, für recht ungewöhnliche Zwischentöne. Das heißt aber keineswegs, dass "Sleeping in traffic: Part Two" als reines Spaßalbum zu verstehen ist, den Mannen um Sänger / Keyboarder Rikard Sjöblom gelingt es, eben nicht alles nur bierernst zu betrachten. Dabei verlieren sie jedoch nie die spielerische und kompositorische Klasse aus den Augen und bisweilen wird einfach auch mal der rockmusikalische Dampfhammer ausgepackt. Wenn man der Band einen Vorwurf machen kann, dann nur damit, dass ihrer Musik etwas die prägnanten Hooks, die Ideen mit sofortigem Wiedererkennungswert fehlen - ihre Musik weist ein gewisses Maß von Sperrigkeit auf und geht keinesfalls sofort ins Ohr. Desweiteren verliert das Album gegen Ende leider etwas an Schwung und kann nicht ganz das Niveau der ansprechenden ersten Hälfte halten. Doch nicht nur dadurch, dass sich Beardfish nicht so einfach in ein Schema pressen lassen, ihr Stil eben auch Ecken und Kanten aufweist, haben sie ihre ganz eigene Nische gefunden. "Grundsätzlich sind wir eine Rockband mit Tendenzen zum Theatralischen" fasst es Rikard Sjöblom prägnant zusammen. Trotzdem ist "Sleeping in traffic: Part Two" überhaupt keine alltägliche Rockscheibe, sondern überrascht immer wieder mit eigenartigen, faszinierenden Einfällen.

Kristian Selm



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