CD Kritik Progressive Newsletter Nr.75 (07/2012)

Telergy - The Exodus
(71:49, Privatpressung, 2011)

Der Auszug der alttestamentarischen Juden aus Ägypten - mal ganz anders. Alles ist anders bei diesem Projekt des Multi-Instrumentalisten Robert McClung. Das geht schon mit der Rahmenhandlung los: Wir folgen einem Kind und seiner Großmutter auf den Dachboden, wo sie zufällig einen alten Plattenspieler stehen sehen. Flugs wird dieser wieder in Betrieb genommen, die aufgelegte (Opern-) und die Telergy-Musik verschwimmen - und wir sind mitten im Geschehen. Die Musik ist vielschichtig, kraftvoll und klingt schon durch die Instrumentierung prachtvoll: beispielsweise drei echte Streicher, Flöte, Keyboards, Didgeridoo steuern musikalische Gäste bei. McClung selber bedient Gitarre, Bass, Ukulele, Lap Steel, Balalaika, Flügel, Querflöte, eine weitere Violine u.v.m. Trotz einiger Rezitationen und Gastsängern ist der Gesangsanteil auf "The Exodus" vergleichsweise gering. Während man die bewegte Geschichte auch als Nummern(-Rock-)oper hätte gestalten können, wählte McClung den Ansatz, to let the music do the talking. And Grandma of course, denn die erläutert zwischen den Stücken in wenigen Worten oder sogar nur Worten ihrem Enkel worum es grad geht. Das ist ein nachvollziehbarer dramaturgischer Kunstgriff, aber um den Preis, dass es den Hörer auch leicht aus dem Musikgenuss herausreißt. Denn ein Genuss ist das Hören und sich Erarbeiten von einer fast schon symphonischen Suite wie "Plagues" (15:31) oder "The Golden Calf" (2:47) schon. An Dramatik fehlt es keiner der 12 Nummern. Old School-Progger werden das relativ werksgetreu eingepasste Pink Floyd-Zitat "Is there anybody out there" mit Wonneschauern zur Kenntnis nehmen. Weitere Fremdkompositionen sind das Spiritual "Go Down Moses" sowie der biblische Psalm 121 und die traditionelle hebräische Hymne "Avadim Hyayinu". Mal wird es pompös (die Chöre von "Commandments", mit einer schon fast Growl-tiefen Stimme des Herrn), mal einfach wunderschön ("Canaan", 12:38, das durch den sehnsüchtigen Frauengesang erst zum "verheißenen Land" wird). Wer mit den Erzähl-Passagen leben kann - vielleicht, weil er gerade Kopfkino und filmischen Prog Metal liebt - sollte hier nicht lange zögern.

Klaus Reckert



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