The Pineapple Thief, 20.03.25, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club

The Pineapple Thief, 20.03.25, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club

Die Unnahbarkeit der Perfektion

Bereits im Frühjahr 2024 waren The Pineapple Thief im Rahmen ihrer “It Leads To This”-Tour in deutschen Landen unterwegs und legten dabei gleich mehrere Stopps im Südwesten ein: im Aschaffenburger Colos-Saal, im Kölner Carlswerk Victoria sowie in der Neuen Gebläsehalle im saarländischen Neunkirchen – alles Orte, die von meiner Heimat an der Mosel etwa zwei Autostunden entfernt liegen. Dass Bruce Soord, Gavin Harrison, Steve Kitch, Jon Sykes und Tour-Gitarrist Beren Matthews ein gutes Jahr später erneut für gleich zwei Stopps (in Frankfurt am Main und in Esch) in die Großregion zurückkehren würden, war zwar überraschend, aber keineswegs unwillkommen. Besonders erfreulich war dies, weil The Pineapple Thief mit der “Last To Run”-EP inzwischen neues Songmaterial veröffentlicht hatten, auf das man sich für die bevorstehenden Konzerte freuen konnte. Oder etwa doch nicht?


Inzwischen sind über zwei Wochen vergangen, seit ich The Pineapple Thief in der Escher Rockhal zum mittlerweile sechsten Mal live erleben durfte. Wäre es mein erstes Konzert der Band gewesen, wäre meine Begeisterung wohl auch heute noch überschäumend. Denn The Pineapple Thief übertrafen sich in Klang und technischer Ausführung einmal mehr selbst. Noch immer erscheint es mir unglaublich, welchen qualitativen Quantensprung die Band mit dem Einstieg Gavin Harrisons als festes Mitglied am Schlagzeug vollzogen hat. Besonders live ist dieser Wandel spürbar – denn The Pineapple Thief erwecken auf der Bühne stets den Eindruck, nicht nur ihre Stücke originalgetreu zu reproduzieren, sondern diese in Anwesenheit des Publikums sogar noch weiter perfektionieren zu wollen. So auch an jenem Abend im luxemburgischen Städtchen an der Alzette. Ein Fest für Musikliebhaber, für audiophile Menschen – und für all jene Fans, denen einer abgeht, wenn sie ihren Idolen auf die Finger schauen dürfen.


Auch ich war erneut gefangen in einem Rausch der Begeisterung – und doch machte sich in mir zunehmend ein unterschwelliges Gefühl bemerkbar, das ich irgendwann nicht mehr ignorieren konnte. Ein Gefühl, das ich bereits von früheren Auftritten der Band kannte, das sich an diesem Abend jedoch etwas später einstellte. Das lag wohl auch daran, dass The Pineapple Thief in Luxemburg ohne Vorgruppe auftraten – jene Kontrastfolie, die diese Empfindung in der Vergangenheit oft hervorgehoben hatte. Als Alex Henry Foster & The Long Shadows vor vier Jahren für Bruce Soord und Co. in Mainz eröffneten, schrieb ich, dass der Unterschied zum Headliner kaum größer hätte sein können: Während The Long Shadows durch ihr Ungestüm überzeugten, beeindruckten The Pineapple Thief durch Selbstbeherrschung und eine professionelle Herangehensweise. Mit anderen Worten: Ihr Auftreten wirkte beinahe steril – eine Folge ihres Strebens nach Perfektion.


Dieser Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass die Setlist – abgesehen von geringfügigen Änderungen in Reihenfolge und Auswahl – mit der des Vorjahres nahezu identisch war. So gesellten sich ‘Fend For Yourself’ und ‘The Final Thing On My Mind’ zu ‘Alone At Sea’ in den Zugabenteil, während ‘In Exile’ aus selbigem verschwand und unmittelbar hinter ‘The Frost’ an zweiter Stelle auftauchte. ‘Dead In The Water’ hingegen fiel komplett aus dem Programm und wurde durch das grandiose, zuletzt schmerzlich vermisste ‘White Mist’ ersetzt.

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Auf die fünf Songs der aktuellen EP wartete man vergebens. Dieser Drang zur Perfektion – und die daraus resultierende, subjektiv empfundene Unnahbarkeit – war in dieser Ausprägung nicht immer präsent, vor allem nicht in der Zeit, als The Pineapple Thief noch als erweitertes Solo-Projekt von Bruce Soord galten. Und doch zeigte die Band an diesem Abend, dass sie auch anders kann, zumindest ansatzweise.


Im zweiten Drittel des Hauptsets überraschten The Pineapple Thief mit einem Akustikteil. Dabei präsentierten sie das wundervolle ‘Threatening War’, das selten gespielte ‘Barely Breathing’ vom 2010er-Album “Someone Here Is Missing” sowie den “Little Man”-Klassiker ‘Snowdrops’ – das einzige Stück aus der Frühphase der Band an diesem Abend – in reduzierten Arrangements.

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Bruce Soord, Gavin Harrison, Steve Kitch und Jon Sykes nahmen dazu, ohne Beren Matthews, auf Hockern am vorderen Bühnenrand Platz und hatten sichtlich Spaß an dieser Einlage, bei der sogar ein Rasselchen in Ananasform zum Einsatz kam. Doch so charmant dieser Moment auch war, auch das Akustikset wirkte seltsam routiniert – als ob es auf jedem Tourstopp exakt so inszeniert würde.


Manchmal denke ich, wie schön es wäre, wenn sich eines der Bandmitglieder einmal im Ton vergreifen würde oder wenn eine technische Panne sie zum Improvisieren zwingen würde. Denn – seien wir ehrlich – letztlich sind es doch die kleinen Fehler, die unvorhersehbaren Zwischenfälle, die Musiker nahbarer machen und ein Konzert zu einem einmaligen, unvergesslichen Erlebnis werden lassen.


Und trotzdem werde ich bei der nächsten Tournee wohl wieder dabei sein.
Denn auch wenn das Unvollkommene oft den größeren Charme besitzt, sind es Präzision und Perfektion, die uns in Staunen versetzen – und sprachlos zurücklassen.

P.S.:
Dass den akkreditierten Fotografen – anders als früher – der Zugang zum Fotograben (mit Ankündigung) verwehrt wurde, unterstreicht die empfundene Unnahbarkeit zusätzlich. Dass es bei anderen Konzerten Ausnahmen gab, macht es nicht besser – im Gegenteil. Denn anders als der Otto-Normal-Fotograf durften diese ihre Bilder nur nach vorheriger Genehmigung der Band veröffentlichen. Ganz nach dem Motto: “Besser eine schlechte Aufnahme mit einem Teleobjektiv als ein hochwertiges Foto, das aus der Nähe aufgenommen wurde – und auf dem womöglich Dinge zu sehen sind, die nicht gesehen werden sollen”.

The Pineapple Thief Setlist Rockhal Club, Esch-sur-Alzette, Luxembourg 2025


Fotos: Prog in Focus
Technical Support: Frank Schenkelberg


The Pineapple Thief, 20.03.25, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club
Surftipps zu The Pineapple Thief:
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Rezensionen:
“Last To Run (EP)“ (2025)
“It Leads To This” (2024)
“Give It Back” (2022)
“The Soord Sessions Volume 1-4 (2021)
“Versions Of The Truth“ (2020)
“Hold Our Fire“ (2019)
“Dissolution“ (2018)
“Where We Stood“ (2017)
“Your Wilderness“ (2016)
“Magnolia“ (2014)
“All The Wars“ (2012)
“Someone Here Is Missing“ (2010)
“Tightly Unwound“ (2008)
“What We Have Sown“ (2008)
“Little Man“ (2006)
“10 Stories Down“ (2005)
“Variations On A Dream“ (2003)
“137“ (2001)
“Abducting The Unicorn“ (1999)
Liveberichte:
15.03.24, Köln, Carlswerk Victoria
26.02.24, Neunkirchen, Neue Gebläsehalle
09.03.22, Oberhausen, Turbinenhalle 2
26.10.21, Mainz, Kulturzentrum
28.09.18, Köln, Live Music Hall
13.09.17, Köln, Luxor
25.01.17, Oberhausen, Zentrum Altenberg
Interviews:
Interview: Bruce Soord, The Pineapple Thief, zu “Your Wilderness” (2016)

Weitere Surftips:
Veranstalter & Venue: Rockhal