Archive, Black Doldrums, 10.02.25, Seraing (BE), OM
Classic Albums Live: “You All Look The Same To Me” & “Noise”
Nachdem wir Anfang Februar bereits bei der gekürzten Ein-Tages-Variante der “Classic Albums Live”-Tour in Esch mit dabei waren, hatten wir nur eine Woche später die Chance, im belgischen Seraing dem kompletten Zwei-Tages-Programm Archives beizuwohnen. Am ersten Tag standen dabei der 2002er Klassiker “You All Look The Same To Me” und dessen Nachfolger “Noise” aus dem Jahre 2004 auf dem Programm. Spannend war dabei vor allem die Frage, ob man an diesem Tag tatsächlich alle 21 Stücke der beiden Platten zu hören bekommen würde. So hatte es in Luxemburg lediglich die Hälfte von “You All Look The Same To Me” in die Setlist geschafft.
Das belgische Seraing ist übrigens ein Vorort von Lüttich, und das OM so etwas wie der Tempel der Rockmusik für die Großstadt an der Maas. Denn genau wie in vielen anderen Gemeinden der Benelux-Länder wurde das OM speziell für elektrisch verstärkte Unterhaltungsmusik errichtet, mit dementsprechend guten akustischen Verhältnissen. Das Konzert an diesem Montagabend war, obwohl wesentlich größer als der kleine Saal der Rockhal, ausverkauft und das OM infolgedessen gut, aber nicht überfüllt.
Black Doldrums
Wie schon in Esch durften auch in Seraing die Black Doldrums für das britische Kollektiv eröffnen. Augenscheinliche bzw. klangliche Unterschiede waren dabei nicht festzustellen, zumindest für jemanden wie mich, der mit den Stücken des Trios nicht vertraut ist.
Sänger und Gitarrist Kevin Goddard (Gitarre/Gesang), Bassist Daniel Armstrong und Schlagzeugerin Sophie Landers legten sich auch an diesem Abend voll ins Zeug und präsentierten ihre Mixtur aus Darkwave, Post Punk, Shoegaze, Post Rock und Drone mit voller Leidenschaft. Für mich persönlich war dieser Auftritt dem Konzert in Luxemburg ebenbürtig. Dass die Black Doldrums an diesem Abend mit lauterem Applaus bejubelt wurden, kann somit also nur am belgischen Publikum gelegen haben.
Besetzung:
Kevin Goddard (Gitarre/Gesang)
Sophie Landers (Schlagzeug)
Daniel Armstrong (Bass)
Archive
Wer an diesem Abend befürchtet hatte, dass es aufgrund der Tatsache, dass “You All Look The Same To Me” auf dem Programm stand, größere Parallelen zu den Konzerten mit komprimiertem Programm geben würde, der sollte in Seraing eine positive Überraschung erleben. Denn nicht nur die zwei Drittel der Stücke, die es im OM zu hören gab, hatten es in Esch nicht auf die Setlist geschafft, auch die Dynamik in der Songabfolge sollte an der Maas eine ganz andere sein als noch an der Alzette.
Wo man in Luxemburg für die ersten Stücke ausschließlich auf “Controlling Crowds”-Material zurückgegriffen hatte und gerade zu Beginn des Konzertes auf echte Kracher gesetzt hatte, bestimmten im OM zunächst vorwiegend Stücke, die vom “Noise”-Album stammten. Insbesondere der etwas ruhigere Start mit dem seit 2005 nicht mehr aufgeführten ‘Get Out’ war eine positive Überraschung. Dass der hypnotische, oft monotone “YALTSTM”-Track ‘Numb’ dann – bereits so früh – im direkten Anschluss folgte, verwunderte vielleicht einige, passte aber wunderbar in die sich langsam aufbauende Spannungskurve dieses Abends.
Schwelgerisch ging es mit einer wundervollen Version von ‘Sleep’ weiter, bevor mit ‘Noise’ und seinen Billy Holiday-Referenzen eines der besten Stücke vom gleichnamigen Album folgte. Kalte Schauer liefen dem ein oder anderen Langzeitfan dann wohl beim nächsten Stück den Rücken runter, auch wenn Craig Walker an diesem Abend nicht wie erhofft auf der Bühne stand, denn der ‘Love Song’, bei dem vor allem der Gesang – in diesem Falle von Pollard Berrier vorgetragen –, war vor Beginn dieser Tournee noch niemals live aufgeführt worden. Passend danach der in Luxemburg schmerzlich vermisste Prog-‘n’-Trip-Hop-Track ‘Meon’, bei welchem Lisa Mottram zum ersten Mal die Bühne betrat, um Dave Pen und Pollard Berrier im Gesang zu unterstützen.
Hatte es bis zu diesem Moment erst eine Nummer aus dem Ein-Tages-Programm gegeben, folgte mit ‘Now And Then’, ‘Finding It So Hard’ und ‘Fool’ eine fast halbstündige Passage, die es in der gleichen Form schon in der Rockhal gegeben hatte. Dass man zwischen ‘FISH’ und ‘Fool’ ein weiteres Mal auf das Interlude ‘Seamless’ verzichtet hatte, schmälerte das Erlebnis nur marginal, enttäuschte aber jeden Anwesenden, der tatsächlich darauf gehofft hatte, alle Stücke von “You All Look The Same To Me” zu hören zu bekommen. Es blieb nicht der einzige Track dieser Kult-Scheibe, auf dessen Aufführung man verzichten musste, denn auch die beiden letzten Stücke des Albums, ‘Hate’ und ‘Need’, sollten keine Berücksichtigung finden.
Ganz anders stand es da um die Tracks von ‘Noise’, von denen hernach gleich drei aneinandergereiht wurden: das orchestrale, anfangs sehr sanfte, später immer intensiver werdende ‘Conscience’ mit dreistimmigem Gesang, das berührende, monumental-progressive ‘Waste’ mit seinen fetten Beats und der so eindringlichen, in ständiger Wiederholung vorgetragenen Zeile “Waste On You!” sowie das den Hauptteil beschließende ‘Pulse’, bei welchem Archive einen Crossover aus Alternative Rock, Lounge Music, Trip-Hop, Synthies und orchestralen Elementen in einem Crescendo kulminieren ließen, bei welchem Gesang und Instrumente zu einer drone-artigen Wall of Sound verschmolzen. Holy Shit, was für ein Abschluss!
Den Zugabenteil eröffneten Archive dann mit dem in Esch schmerzlich vermissten ‘Goodbye’, dessen lullaby-artige, an eine Spieluhr erinnernde Melodien im Zusammenspiel mit einem tief brummenden Bass für wahre Gänsehautmomente sorgten, sodass man, als dann endlich die von allen sehnlichst erwarteten ersten Töne von ‘Again’ erklangen, keine großen Schwierigkeiten mehr hatte, seinen Tränen für die nächste gute Viertelstunde freien Lauf zu lassen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Dass mit ‘Hate’ nicht auch noch ein weiteres Stück unberücksichtigt blieb, mag verwundern, denn nach ‘Again’ hatte wohl niemand mehr mit diesem zarten und gemächlichen Kleinod in den Zugaben gerechnet. Dem Publikum gab dieses Interlude die Möglichkeit, nach der vorangegangenen Achterbahnfahrt noch einmal zu Sinnen zu kommen, bevor Archive den Abend mit einem weiteren Höhepunkt schier explodieren ließen.
‘Fuck U’ anyway!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Besetzung:
Darius Keeler – Keyboards
Danny Griffiths – Keyboards
Pollard Berrier – Gesang, Gitarre
Dave Pen – Gesang, Gitarre
Mike Hurcombe – Gitarre
Jonathan Noyce – Bass
Steve Barnard – Schlagzeug
Lisa Mottram – Gesang
Fotos: Prog In Focus
Surftipps zu Archive:
Homepage
Facebook
Instagram
Soundcloud
YouTube
Spotify
Apple Music
Discogs
ProgArchives
Wikipedia
Rezensionen:
“You All Look The Same To Me / Noise” (Reissue) (2002/2004/2024)
“Voleuses (Musique du film Netflix)” (2023/2024)
“Super8” (2023)
“Call To Arms & Angels” (2022)
“Versions: Remixed” (2020)
“Versions” (2020)
“25” (2019)
“Noise” (2004)
“You All Look The Same To Me” (2002)
Liveberichte:
03.02.25, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club
17.11.23, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club
26.10.23, Wiesbaden, Schlachthof
31.10.19, Köln, E-Werk
Interviews:
Darius Keeler About “Call To Arms & Angels”, Genres, Influences & Red Lines (2022)
Surftipps zu Black Doldrums:
Facebook
Instagram
Bandcamp
YouTube
Spotify
Apple Music
Setlist.fm
Discogs
Liveberichte:
03.02.25, Esch-Uelzecht (LU), Rockhal Club
Weitere Surftips:
Venue: OM