(30:08; CD, Digital; Eigenveröffentlichung, 07.03.2025)
Gibt es sowas wie Liebe auf den ersten Blick, beim ersten Hören? Garantiert, bestimmt gibt es das. Der perfekte Moment, der letzte Rest Tageslicht an einem kalten Wintertag, etwas Kerzenlicht und das Debüt-Album (nach einer ersten EP in 2020) der Berliner von Anchoress im Player. Das Cover erinnert mich reflexartig an eine Collage aus Jarboe (Swans) in ihren besten Tagen und der wundervollen Nico (Gott hab sie selig). Innerhalb von Sekunden wird alles zur Nacht, die theatralisch-dunkle Stimme von Sängerin Anna Lucia ist Präsenz pur in einem nur schwach beleuchteten Raum. Sie wird von einem sanften Slo-Mo-Distortion-Rock gestützt, getragen und die Musik marschiert langsam und sich schmerzvoll steigernd mit dem Opener ‘Brave Men’ ins vernebelte Nirgendwo. Im ersten Moment dachte ich an das unerreichte Debüt von Antony And The Johnsons (was für eine Platte!) und wow, was für ein wundervoll dunkler Schleicher – pathetisch, geradlinig, schleppend und voller Inbrunst vorgetragen.
‘Anxious Clown’ schwebt ätherisch mit schönen hintergründigen Synths und erneut stoisch langsamen Rhythmen. Die simplen Akkorde tragen bis zur Unendlichkeit, Sängerin Anna Lucia spricht zu Dir – ja genau zu Dir – mit viel Dunkelheit, Melancholie und einer Traurigkeit, die mich an die schönsten schwarzen Momente der pathetischen Swans zur Zeit von “White Light From The Mouth Of Infinity” erinnert. Ja, genau dieses direkte dunkle Timbre im spielerisch agierenden, phrasierten Gesang, in der Einfachheit der stoisch orchestral agierenden Arrangements, die dafür um so direkter ins dunkle umnachtete Herz hinein spazieren.
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‘Song Of The City Of Woman’ formuliert mit dunklen Drones, Noise, exaltiert manischem Gesang, Slowcore und dumpfem Schlagwerk einen fast rituellen Vibe, der mich an das Hexenwerk “Dead Magic” der Schwedin Anna von Hausswolff erinnert, das ebenfalls wie die “White Light..” der Swans einen absoluten Ausnahme-Klassiker im heimischen Regal darstellt. ‘Hairy Mary’ integriert perlende Gitarren-Akkorde, wundervoll kathedralenartige Orgelklänge und driftet mit dem erzählerisch pathetischen Gesang durchs Schwarze der urbanen Leere. Das abschließende ‘Toys Of Grace’ füllt nochmal richtig schön den dunklen Raum, die Stimme trägt ohne viel Aufhebens, weil sie es einfach kann. Das tragende Korsett aus schleifendem Slo-Mo-Postrock und hymnischen, sich steigernden Dynamiken und Melodien rundet das Ganze letztlich perfekt ab. Mit einer gehörigen Portion Modern Goth-Attitüde endet dieses Kleinod von Album leider nur viel zu abrupt. So wundervoll schleichende, eindringliche Klänge, die Räume schaffen mit einer beseelten Ausnahmestimme zwischen Nico, Antony Hogarty, Andrea Schröder, A.A. Williams, Jarboe und P.J Harvey in Goth, sollten nicht bereits nach 30 Minuten enden. Also bleibt nur das Replay … und nimm Dir die Stille und den Raum für ein dunkles kleines Meisterwerk, bei dem es sich wieder einmal zeigt, dass Musik – egal wie stoisch, langsam und monoton – mit dem richtigen Maß an Atmosphäre und Emotionalität in der Stimme alles sein kann. Aufgenommen wurde “Cockdust” übrigens von Adam Asnan, mit dem Mix von Carlos Flores und Unterstützung bei der Produktion von Martin J. Fiedler (u.a. Crime And The City Solution, Josh T Pearson). Es bleibt nur zu hoffen, dass es zeitnah üppigeren Nachschlag gibt.
Bewertung: 13/15 Punkten
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Line-up:
Anna Lucia Nissen – Vocals/Keys
Alexander Rathbone – Guitar
Tobias Textor – Drums/Keys
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Anchoress zur Verfügung gestellt.