(36:52; Vinyl, CD, Digital; Sumerian Records, 2022)
Es ist scheinbar durchaus möglich, Musik eine Art von Haptik zugeben und sie im entferntesten Sinne tastbar zu machen. Je mehr man die volle Dynamik eines Instruments ausnutzt, umso organischer und näher erscheint sie einem.
Das jonglieren mit Obertönen und Resonanzen und das Nutzen von verschiedensten Klangfarben, ist ein Werkzeug, um unterschiedliche akustische Wirkungen zu erzeugen.
Animals As Leaders sind wahre Meister darin, Musik bildlich erscheinen zu lassen. Diese schwer beschreibbare Eigenschaft verkörpern die Amerikaner in absoluter Perfektion. Mit ihrem neuen Album “Parrhesia” veröffentlicht die progressive Avantgarde Metal-Band erneut ein Instrumentalalbum, welches auf einem galaktisch hohen musikalischen Level liegt.
Wer bei den Wörtern Instrumental und Prog nun aus Angst vor technischem Gefrickel und Prahlerei die Flucht antreten will, dem sei in diesem Falle unbedingt das Innehalten angeraten.
“Parrhesia” ist nicht einfach nur ein weiteres technisches Djent-Album. Das würde dem Werk keinesfalls gerecht werden. Eher haben wir es hier mit einem bewusstseinserweiternden, kognitiv anregenden Klangspektakel zutun. Instrumentalmusik, die so viel mehr transportiert als die Zurschaustellung technischer Skills von Musiktheorie-Nerds. Soll heißen, dass wir hier von filigranen, nahezu butterweichen Tönen bis hin zu erdrückend schweren und höllentiefen Riffs einen extrem weiten Dynamikbereich geboten bekommen. Das Album ist voll von perkussiven Djent-Riffs, vertrackten Polyrhythmen, Polychords und melodischen Soundkonstruktionen. Das alles wird eingefärbt durch sphärische Synthies. Das wirkt zum Anfang schwer und für manchen erst mal überfordernd, doch diese Hürde löst sich mit angemessener Aufmerksamkeit nahezu in Luft auf. Die Rhythmik überträgt sich sehr schnell und regt körperliche Bewegungen synchron zur Musik an. Fast so, wie die Herren im offiziellen Video zu ‘Monomyth’.
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Animals As Leaders geizen auch auf “Parrhesia” nicht mit Disharmonien, übertreiben es aber auch nicht damit und setzen diese nur partiell im passenden Kontext ein. Das ist der Grund, warum die Musik nicht ausschließlich kalt und theoretisch wirkt. Ebenso werden zwar oftmals nachvollziehbare Melodie-Läufe ausgebremst und es entstehen eher ungewohnte Harmonien, doch wirken diese durchaus interessant. Zudem fehlt es ihnen auch nicht an einer gewissen Emotionalität, die hier recht filigran und subtil wirkt.
Unbedingt sollten auch die Synthesizer angesprochen werden. Sie bauen überaus starke Soundscapes um die trocken wirkenden Gitarren auf und geben den Songs auf “Parrhesia” viel mehr Raum zum Entfalten. Obendrein verbessern sie die Eingängigkeit und halten das zum Teil rhythmisch gegeneinander spielende Trio regelrecht zusammen. Auch durch intelligent eingesetzte Delay-Effekte der Gitarren entsteht eine perfekte Symbiose zwischen Klampfen und elektronischer Klänge, sodass man schon genau hinhören muss, um herauszufinden, was jetzt noch von der Gitarre oder vom Synthesizer stammt.
Animals As Leaders wurden 2007 vom Gitarrenvirtuosen Tosin Abasi gegründet. Die Band besticht durch ihren Mix aus verzerrten und cleanen Gitarrensounds und dem kreativen Spielstil, der geprägt ist durch Jazz, Metal und Prog. Zudem ist der primäre Einsatz von 8 Saiter-Gitarren ein Markenzeichen der Band. Komplexes Economy-Picking, Sweeps über das ganze Griffbrett und irres Two-Hand Tapping sind Standardrepertoire bei den Jungs. Vervollständigt wird die Truppe neben Abasi durch Gitarrist und Bassist Javier Reyes und Schlagzeuger Matt Garstka. Mit “Parrhesia” veröffentlichen sie nun ihr fünftes Album.
Eröffnet wird “Parrhesia” mit ‘Conflict Cartography’, bei dem sich die Instrumente immer wieder rhythmisch und melodisch voneinander entfernen. Phasenweise nähern sie sich dann wieder einander an, um nur kurz im Einklang miteinander zu spielen. Matt Garstkas Drums klingen leicht gedämpft, was ob der energiereichen Darbietung durchaus Sinn macht und der Band mehr Raum für Details gibt. Tosin Abasis beliebte Thumb-Slapping-Technik auf dem 8 Saiter findet auf ‘Monomyth’ wieder seinen Platz. Perkussive Djent-Riffs reihen sich hier aneinander und bilden ein klinisches und industriell klingendes Soundgewand.
Im harmonischen Glanzstück ‘Red Miso’ schwingt eine unterschwellige Emotionalität mit, die von den tiefen, bedrohlich wirkenden Rhythmusgitarren versucht wird zu verdrängen. Die stimmige Gitarrenmelodie kämpft sinnbildlich gegen die sture Verkopftheit des Songs an, und es entsteht eine kuriose Spannung in dem Song. Ein Gastauftritt von Polyphia bei ‘Gestaltzerfall’? Nein, nicht wirklich. Aber die Gitarrenarbeit erinnert stellenweise stark an die Instrumental-Progger aus Texas. So erscheint der Song ungewöhnlich fröhlich und verschafft “Parrhesia” eine erfrischende Abwechslung.
Das kurze sphärische ‘Asahi’ und das träumerische ‘The Problem of Other Minds’ machen das Album im Mittelteil zudem wunderbar weich und für seine Verhältnisse recht eingängig.
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Die Synthies bauen ambiente Soundscapes um die trockenen Gitarren herum auf und geben den Songs auf “Parrhesia” viel mehr Raum zum Entfalten. Das hat einen sehr großen Effekt auf die Wirkung der Titel, und egal wie versetzt und entfernt die Instrumente voneinander spielen, erscheint die Band dadurch als Einheit.
‘Thoughts and Prayers’ beginnt zunächst schwelgerisch und balladesk, zieht dann aber das Tempo an und peitschende Djent-Riffs schieben sich in den Vordergrund. Mit ‘Micro-Aggression’ kredenzen uns Animlas As Leaders eine Nummer, bei der Gitarristen die Kinnlade herunterklappen dürfte. Das Teil klingt einfach nur wunderbar verrückt. Was hier dargeboten wird, ist technisch unfassbar komplex und wahrer Next-Level-Shit. Das ist eine der großartigen Momente wofür die Band bekannt ist.
Beendet wird das 37-minutige Hörerlebnis durch das Djent-Gewitter ‘Gordian Naught’ mit extremen Tempowechseln und einer sterilen und fast fiktional wirkenden Gitarrenarbeit.
Im Vergleich zum Vorgänger “The Madness of Many” wirkt “Parrhesia” lebendiger und abwechslungsreicher. Was das Album auszeichnet, sind plastische Klänge, penible Genauigkeit in Takt und Tempo und ein perfektes Soundkonstrukt. Das Resultat ist ein hypnotisches und anziehendes Album, empfehlenswert für Fans von Progressive Metal und Jazz, aber ebenso auch für Musiker, die ihren Horizont erweitern wollen.
Trotz der ganzen Virtuosität überspannen die Amerikaner den Bogen von Disharmonie und Polyrhythmik nicht, und die Musik bleibt sehr gut hörbar und transportiert Emotionen auf einer nicht so offensichtlichen Art und Weise.
Die Stimmung des Albums ist nur schwer einer Gemütslage zu zuordnen. Hier gibt es keine extreme Aggression, keine überbordende Happiness oder tränentreibende Melodien. Alles bleibt überraschend differenziert und leicht und lässt Raum für Eigeninterpretationen. Auf alle Fälle kann man wunderbar in der Musik versinken und man sollte sich auch unbedingt die Zeit dazu nehmen, dieses akustische und ästhetische Kunstwerk auf sich wirken zulassen.
Bewertung: 13/15 Punkten
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Tracklist:
1. ‘Conflict Cartography’
2. ‘Monomyth’
3. ‘Red Miso’
4. ‘Gestaltzerfall’
5. ‘Asahi’
6. ‘The Problem Of Other Minds’
7. ‘Thoughts and Prayers’
8. ‘Micro-Aggressions’
9. ‘Gordian Naught’
Besetzung:
Tosin Abasi (Gitarre)
Javier Reyes (Gitarre, Bass)
Matt Garstka (Schlagzeug)
Gastmusiker:
Misha Mansoor (Synth Arrangements)
Diskografie (Studioalben):
“Parrhesia” (2022)
“The Madness of Many” (2016)
“The Joy of Motion” (2014)
“Weightless “(2011)
“Animals As Leaders” (2009)
Surftipps zu Animals as Leaders:
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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von KINDA zur Verfügung gestellt.