(4:26:12, 2x 2CD/Digital, Bird’s Robe Records, 2008/2021)
Vor vielen, vielen Jahren, in der Bronzezeit sozialer Medien, da gab es einen populären Zeitvertreib namens “Internet-Challenge”, bei denen das Internet (meist vertreten durch einzelne User) eine Person zu einer Challenge herausforderte. Nun, die meisten Internet-Challenges hatten mit dem Verzehr unappetitlicher, nur bedingt zu besagtem Verzehr geeigneten Speisen im weitesten Sinne zu tun, eventuell auch einmal mit dem Tragen damals geschlechtsuntypischer Kleidung und Schminke. Fast alle davon sind längst vergessen. Im Falle von Mike Mills aka Toehider setzte der sich höchstselbst die Challenge, zwölf EPs in zwölf Monaten aufzunehmen und zu veröffentlichen – und dies ist erfreulicherweise eines der noch nicht vergessenen Überbleibsel dieser Ära. 2021 werden diese EPs nämlich zur Freude aller Sammler physikalischer Medien von Bird’s Robe Records auf CD wiederveröffentlicht.
Zwei Ausgaben mit jeweils zwei CDs versammeln dabei die rund viereinhalb Stunden Musik, die Mills im Rahmen dieses Projektes versammelt hat. Da jede EP einen anderen stilistischen Schwerpunkt hatte, sind natürlich auch “The First Six” und “The Last Six” höchst uneben ausgefallen – was für den Toehider-Gourmanden aber ehedem eher Qualitätsmerkmal als Störfaktor ist. So ist das Material von “Metaltarsus” fast reinrassiger Power Metal, “How Did Counterquistle Lose His Pajamas?” ist hingegen ein hörspielartiges Mini-Konzeptalbum, dessen Titel nicht umsonst an einen Part von Jethro Tulls “A Passion Play” erinnert. “Never Mind The Hallux” klingt punkig mit Achtziger-Hardcore-Elementen, “9” ist reiner instrumentaler Postrock, “Not Much Of A Man” wurde rein akustisch aufgenommen, auf “In All Honesty” gibt’s reinen Pop – und “Done And Susted” besteht aus einem einzigen Prog-Metal-Longtrack. Der Rest der EPs wirft das alles wie gewohnt munter durcheinander, gerne auch im selben Song – ja, im Vergleich zu Mike Mills‘ Hyperaktivität wirken selbst Zappa oder Devin Townsend wie abgeklärte, geradlinige Rock’n’Roll-Veteranen. Passend zur Jahreszeit enthält “Under The Mistletoe” auch noch eine Handvoll Weihnachtslieder: die im Brian-May-Stil arrangierte Instrumentalfassung von ‘Ding-Dong Merrily On High’ rockt ganz besonders.
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Die Menge an Material macht es natürlich schwer, diese Sammlung wie ein Album zu betrachten. Vor allem weil Mills’ Mixtur aus Sparks, Dream Theater, Queen, Abba, Oingo Boingo, Manowar, Ayreon, den Muppets (ernsthaft!) und eben Devin Townsend ehedem nicht allzu leicht verdaulich ist, wird wohl kaum jemand die vier CDs regelmäßig am Stück durchhören. Stattdessen sollte man die Scheiben wie eine Schatzkiste betrachten, die man immer mal wieder durchwühlen und dabei auch auf lange Sicht immer noch Neues entdecken kann. Denn natürlich ist jeder einzelne Song kompositorisch wie spieltechnisch auf höchstem Niveau angesiedelt, und auch die Produktion ist zwar hörbar Marke Eigenbau, aber durchweg gelungen – gerade diesbezüglich kann den Lern- und Reifeprozess vom Starter “Toehider” zum Abschluss “Done And Dusted” auch als Hörer exzellent nachvollziehen.
Wer nun übrigens glaubt, Mills habe nach dieser 2008 gestarteten Aktion erst einmal sein Pulver verschossen, täuscht sich gewaltig: für Toehiders Patreon-Supporter haut Mike nach wie vor mehrere Songs pro Monat ‘raus. “Twelve EPs In Twelve Months” waren also nicht nur Experiment, sondern der Start einer Arbeitsweise. Das können auch nicht viele Internet-Challenges von sich behaupten…
Bewertung: 12/15 Punkte (SG 12, KR 12)
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Abbildung: Toehider / The Bird’s Robe Collective